Yggdrasil: Der mächtige Weltenbaum der nordischen Mythologie
Yggdrasil ist der Weltenbaum der nordischen Mythologie, eine gewaltige Esche, deren Äste sich laut Snorri Sturluson über die ganze Welt ausbreiten und über dem Himmel stehen und deren drei Wurzeln zu drei Brunnen reichen. Die Götter halten an ihr jeden Tag Gericht. Heute wird sie oft der nordische Lebensbaum genannt, doch diese Bezeichnung ist modern; der Name selbst bedeutet höchstwahrscheinlich „Odins Ross“. Das Gedicht Völuspá erwähnt neben dem Weltenbaum neun Welten, doch kein mittelalterlicher Text zählt die neun Welten auf oder setzt sie auf seine Äste und Wurzeln.
Was wir im Kino und im Fernsehen sehen, ist nur ein kleiner Teil dessen, woraus die nordische Mythologie besteht. In diesem Artikel geht es um eines ihrer bekanntesten Bilder, einen Baum im Mittelpunkt der nordischen Welt, und darum, was die mittelalterlichen Quellen tatsächlich über ihn sagen.
Götter, Riesen, die Toten und die Schicksalsnornen erscheinen alle an seinen Wurzeln oder in seinen Ästen. Hier also die Geschichte des Baumes namens Yggdrasil (askr Yggdrasils, altnordisch „die Esche Yggdrasils“).
Yggdrasil: der Weltenbaum oder „Lebensbaum“

Eine moderne Darstellung Yggdrasils als Lebensbaum. Das Kreismuster dahinter ist kein nordisches Motiv.
Wie immer fangen wir ganz vorne an: beim Namen.
Odin hat viele Namen, einer davon ist Yggr, „der Schreckliche“. Drasill ist ein dichterisches Wort für Pferd. Zusammengesetzt bedeutet Yggdrasill höchstwahrscheinlich „Odins Ross“, und die übliche Erklärung ist düster: Nordische Dichter konnten den Galgen ein Pferd nennen, das der Gehängte reitet, und so ist „Odins Ross“ der Baum, an dem Odin sich selbst erhängte (mehr dazu weiter unten). Es gibt auch andere Deutungen. Manche Forscher lesen askr Yggdrasils als „die Esche von Odins Pferd“, also den Baum, an dem sein Pferd angebunden steht, und eine Minderheit verbindet den ersten Teil des Namens mit einem alten Wort für Eibe. „Lebensbaum“ gehört nicht dazu. Das ist ein moderner Name, aus anderen Traditionen entlehnt, auch wenn viele Menschen heute so nach Yggdrasil suchen.
Die Bedeutung des Lebensbaums der Wikinger
Der Baum steht über einem Brunnen. In der Völuspá (Strophe 19) sagt die Seherin, sie wisse eine Esche stehen, Yggdrasil genannt, einen hohen Baum, benetzt mit weißem Lehm; von ihm kommt der Tau, der in die Täler fällt, und immergrün steht er über dem Urðarbrunnr, dem Brunnen der Urðr. Aus dem See unter dem Baum, so fährt Strophe 20 fort, kommen drei Mädchen, die viel wissen: Urðr, Verðandi und Skuld. Sie ritzten Zeichen in einen Holzstab, legten Gesetze fest und bestimmten das Leben der Menschenkinder. Das sind die Nornen. Das Gedicht sagt, dass sie in Holz ritzten, nicht in den Baum; die Vorstellung, die Nornen ritzten das Schicksal in den Stamm Yggdrasils, ist eine moderne Nacherzählung.
In englischsprachigen Büchern wird Urðr oft „Wyrd“ geschrieben, nach dem altenglischen Wort für Schicksal, und die drei Namen werden gern als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklärt. Diese Deutung stützt sich auf die Bedeutung der Namen (Urðr steht „dem, was geschehen ist“ nahe, Verðandi dem „Werdenden“, Skuld dem, „was geschuldet ist“ oder „was sein soll“); die Quellen selbst sagen das nie.
Die Quellen sind eindeutig: Yggdrasil ist eine Esche. Völuspá und Grímnismál nennen sie askr, und die Grímnismál (Strophe 44) sagen, sie sei der größte aller Bäume. Zwei Details haben manche Forscher an eine Eibe denken lassen. Die Völuspá nennt den Baum immergrün, und Snorri sagt, die Hirsche in seinen Ästen verbissen sein barr, ein Wort, das gewöhnlich für Nadeln steht. Die Texte sagen Esche; die Eibe ist ein moderner Vorschlag.
In seiner Gylfaginning (Kapitel 15 und 16), geschrieben um 1220, nennt Snorri Sturluson die Esche den größten und besten aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt und stehen über dem Himmel, und drei Wurzeln tragen sie. Sie ist das wichtigste Heiligtum der Götter, wo sie jeden Tag Gericht halten. In der Völuspá (Strophe 2) erinnert sich die Seherin an neun Welten und an „den herrlichen Maßbaum unter der Erde“, den die meisten Leser für Yggdrasil halten. Näher kommen die Quellen einer Verbindung der neun Welten mit dem Baum nicht; keine von ihnen sagt, welche neun es sind, oder hängt sie an seine Äste.
Asgard, die Heimat der Götter, wird oft in der Krone des Baumes gezeichnet, doch kein mittelalterlicher Text verortet es dort. Snorri sagt, die Götter hätten Asgard in der Mitte der Welt erbaut und Odin habe von seinem Hochsitz Hliðskjálf aus über alle Welten blicken können.
Wenn Ragnarök kommt, so die Völuspá (Strophe 47), bebt die Esche Yggdrasil, wo sie steht, der alte Baum ächzt, und der Riese reißt sich los. Das Gedicht sagt nicht, dass der Baum stürzt. In den Vafþrúðnismál (Strophe 45) verstecken sich zwei Menschen, Líf und Lífþrasir, in Hoddmímirs Wald (Hoddmímis holt) und leben vom Morgentau, und von ihnen stammen neue Geschlechter ab; Snorri sagt, sie verbergen sich dort, während Surtrs Feuer die Welt verbrennt. Viele Forscher halten Hoddmímirs Wald für Yggdrasil, weil der Name des weisen Mímir darin zu stecken scheint, doch keine Quelle sagt das.
Odin am Baum und die Entdeckung der Runen
Runen stehen im Zentrum der bekanntesten Geschichte rund um Yggdrasil, und sie stammt aus dem Gedicht Hávamál. In Strophe 138 sagt Odin, er habe an einem windigen Baum neun ganze Nächte gehangen, mit einem Speer verwundet und Odin geweiht, er selbst sich selbst, an jenem Baum, von dem niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst.
Das Gedicht nennt den Baum nie beim Namen. Die meisten Forscher setzen ihn mit Yggdrasil gleich, weil der Name „Odins Ross“ zu einem Galgen passt, den Odin ritt, und weil ein Baum, dessen Wurzeln niemand kennt, gut zum Weltenbaum passt. Das ist ein starker Schluss, aber er steht nicht im Text.
Strophe 139 fährt fort: Niemand labte ihn mit Brot oder Trank; er spähte hinab, nahm die Runen auf, nahm sie schreiend auf und fiel von dort zurück. Mehr erzählt das Gedicht nicht. Der Brunnen der Urðr, Odin, der die Nornen von seinem Thron aus beobachtet, und Odin, der den anderen Göttern verbietet, ihm zu helfen, sind moderne Zusätze; die Hávamál erwähnen nichts davon.
Nach der Prüfung, so die Strophen 140 und 141, lernte Odin neun mächtige Lieder, bekam einen Trunk des kostbaren Mets und begann weise zu werden und zu gedeihen. Später im Gedicht zählt er die Zauberlieder auf, die er kennt: eines hilft gegen Streit und Kummer, eines macht die Klingen seiner Feinde stumpf, und eines nutzt die Runen, die er gewann, geritzt und gefärbt, um einen Gehängten gehen und mit ihm sprechen zu lassen.
Leser haben schon lange eine Ähnlichkeit zwischen Odin am Baum und Christus am Kreuz bemerkt, und die Forschung streitet noch immer darüber, ob die christliche Erzählung das Gedicht geprägt hat. Die Hávamál wurden um 1270 im christlichen Island aufgeschrieben, doch der hängende Gott könnte viel älter sein. Hier die Parallelen und wo sie auseinandergehen:
- Erstens: Beide wurden von einem Speer durchbohrt, Christus allerdings erst nach seinem Tod,
- Zweitens: Odin bekommt weder Brot noch Trank; Christus bekommt sauren Wein auf einem Schwamm,
- Drittens: Beide sind ein Opfer, doch Odin gibt sich selbst sich selbst hin, um Wissen zu gewinnen, während Christus für andere stirbt,
- Viertens: Odin hängt neun Nächte; Christus starb noch am selben Tag am Kreuz und stand am dritten Tag auf.
Angesichts dieser Punkte bleibt offen, ob die Geschichte etwas vom Christentum übernommen hat oder älter ist als dieses.
Die Bewohner des nordischen Lebensbaums

Die Nornen Urðr, Verðandi und Skuld
In und unter Yggdrasil leben mehrere Wesen. Snorri sagt, in seinen Ästen sitze ein Adler, der vieles weiß, und zwischen dessen Augen sitze ein Habicht namens Veðrfölnir. Unten in der Quelle Hvergelmir haust der Drache Níðhöggr, mit mehr Schlangen, als eine Zunge zählen kann. Die Grímnismál nennen sechs von ihnen und sagen, sie würden immer an den Zweigen des Baumes nagen, während Níðhöggr von unten an der Wurzel nagt.
Ein weiterer wichtiger Bewohner ist das Eichhörnchen Ratatoskr. Ratatoskr läuft an Yggdrasil auf und ab und trägt Worte zwischen dem Adler und Níðhöggr hin und her: Die Grímnismál sagen, es bringe die Worte des Adlers hinunter zum Drachen, und Snorri nennt sie Worte des Neides. Einen Grund für seinen Unfug nennen die Quellen nicht. Vier Hirsche, Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór, laufen in den Ästen umher und verbeißen das Laub.
Die Grímnismál (Strophe 35) fassen zusammen, was das alles für den Baum bedeutet: Die Esche Yggdrasil erleidet mehr Ungemach, als die Menschen wissen; ein Hirsch beißt sie von oben, an der Seite fault sie, und Níðhöggr nagt von unten an ihr. Snorri ergänzt, dass die Nornen jeden Tag Wasser und Lehm aus dem Brunnen schöpfen und über die Esche gießen, damit ihre Äste nicht verdorren oder faulen. Viele Leser sehen darin eine Welt, die ständig unter Druck steht und ständig am Leben erhalten wird.
Karte von Yggdrasil

Snorri sagt, die Äste breiteten sich über die ganze Welt aus und stünden über dem Himmel, und die Hávamál sagen, sofern ihr Baum Yggdrasil ist, dass niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst. Yggdrasil hat drei Wurzeln, und am Baum halten die Götter und Göttinnen jeden Tag Gericht. Die Grímnismál (Strophen 29 und 30) sagen, die Götter reiten jeden Tag dorthin, um Recht zu sprechen, während Thor zu Fuß durch die Flüsse Körmt und Örmt watet.
So viel ist bekannt. Wohin die drei Wurzeln reichen, darin sind sich die beiden Hauptquellen nicht einig.
In der Prosa-Edda setzt Snorri unter jede Wurzel einen Brunnen oder eine Quelle. Zuerst nennt er eine Wurzel bei den Asen, und ein paar Zeilen später sagt er, eine Wurzel stehe im Himmel, und unter ihr liege der hochheilige Brunnen Urðarbrunnr. Dort halten die Götter Gericht, und die Asen reiten jeden Tag über die Brücke Bifröst dorthin.
Die zweite Wurzel liegt bei den Reifriesen, wo einst die Leere Ginnungagap war. Unter ihr liegt Mímisbrunnr, der Brunnen des weisen Mímir, wo Odin für einen einzigen Schluck ein Auge zum Pfand gab; auch die Völuspá (Strophe 28) kennt die Geschichte. Die dritte Wurzel steht über Niflheim, der kalten Nebelwelt, und unter ihr liegt die Quelle Hvergelmir, wo Níðhöggr von unten an der Wurzel nagt.
Das Gedicht Grímnismál (Strophe 31) zeichnet ein anderes Bild und nennt keine Brunnen. Die drei Wurzeln laufen in drei Richtungen: Unter der einen wohnt Hel, unter der zweiten die Reifriesen und unter der dritten die Menschen. Die Völuspá wiederum setzt den Baum über den Brunnen der Urðr.
Eine Karte von Yggdrasil gibt es in den Quellen nicht. Keine von ihnen zählt die neun Welten auf oder sagt, wo jede am Baum liegt. Moderne Forscher beschreiben die nordische Welt manchmal entlang zweier Achsen: einer senkrechten, die vom Himmel den Baum hinab bis zu den Toten unten reicht, und einer waagerechten, mit Göttern und Menschen in der Mitte und den Riesen draußen am Rand, jenseits des Meeres.
Populäre Schaubilder wie das obige verbinden beides, indem sie die Welten am Baum übereinanderstapeln, mit Asgard in der Krone, Midgard am Stamm und Hel zwischen den Wurzeln. Dieses Bild ist modern. Snorris eigene Welt ist im Wesentlichen flach: eine runde Erde in einem tiefen Meer, die Riesen am Ufer, Midgard innerhalb einer Mauer aus den Augenbrauen des Riesen Ymir und Asgard in der Mitte der Welt.
Yggdrasil kurz zusammengefasst
Oft glauben wir, alles zu wissen, und in Wahrheit wissen wir meist sehr wenig. So wie nur die Spitze des Eisbergs sichtbar ist und der um ein Vielfaches größere Rest unter Wasser verborgen liegt, so ist es auch mit unserem Wissen über die nordische Welt. Großartige und wesentliche Dinge bleiben unsichtbar und unbekannt, und wir sollten unser Bestes tun, sie zu entdecken.
Manchmal muss man unter die Spitze dieses Eisbergs schauen, und ich verspreche dir: Dort warten Wunder aller Art auf dich!
Yggdrasil, heute oft der nordische Lebensbaum genannt, ist eines der zentralen Bilder der nordischen Mythologie. Die meisten kennen ihn aus Comics, Filmen oder Serien, und diese Fassungen fügen eine Menge hinzu. Die mittelalterlichen Quellen geben uns weniger, und dieses Wenige ist seltsamer: eine Esche, nach einem Galgen benannt, von oben und unten benagt, jeden Tag von den Nornen begossen und noch immer stehend, bebend und ächzend, wenn Ragnarök kommt.
Wir hoffen, dir hat diese Geschichte gefallen und du hast beim Lesen etwas Neues gelernt. Wenn du Anmerkungen zu Yggdrasil hast oder uns erzählen möchtest, was dir an dieser Geschichte am besten gefallen hat, schreib es uns unten in die Kommentare.
Yggdrasil: Häufige Fragen
Was ist Yggdrasil?
Yggdrasil ist der Weltenbaum der nordischen Mythologie, eine gewaltige Esche, deren Äste sich über die ganze Welt ausbreiten und deren drei Wurzeln zu drei Brunnen reichen. Die Götter halten an ihr jeden Tag Gericht. Bekannt ist sie aus der Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda, die beide im 13. Jahrhundert auf Island aufgeschrieben wurden.
Ist Yggdrasil der Lebensbaum?
„Lebensbaum“ ist ein moderner Name für Yggdrasil, den die nordischen Quellen nicht verwenden. Der Name bedeutet höchstwahrscheinlich „Odins Ross“, meist erklärt als der Galgenbaum, an dem Odin sich erhängte, um die Runen zu gewinnen.
Was sind die neun Welten von Yggdrasil?
Die Liste, die die meisten modernen Bücher verwenden, lautet Asgard, Midgard, Jötunheim, Niflheim, Muspelheim, Vanaheim, Álfheim, Svartálfheim und Helheim. Das Gedicht Völuspá erwähnt neben dem Weltenbaum neun Welten, doch kein mittelalterlicher Text nennt die neun beim Namen oder setzt sie auf Yggdrasils Äste und Wurzeln. Diese Anordnung ist modern.
Welche Wesen leben in Yggdrasil?
Snorri Sturluson sagt, in seinen Ästen sitze ein Adler mit einem Habicht, Veðrfölnir, zwischen den Augen; der Drache Níðhöggr nagt von unten an einer Wurzel, mit mehr Schlangen, als eine Zunge zählen kann; vier Hirsche verbeißen das Laub; und das Eichhörnchen Ratatoskr läuft am Stamm auf und ab und trägt gehässige Worte zwischen dem Adler und Níðhöggr hin und her.
Was für ein Baum ist Yggdrasil?
Eine Esche. Völuspá und Grímnismál nennen sie askr, Esche, und die Grímnismál sagen, sie sei der größte aller Bäume. Die Völuspá sagt außerdem, sie stehe immergrün, weshalb manche modernen Forscher eine Eibe vorschlagen, doch die Texte sagen Esche.
Überlebt Yggdrasil Ragnarök?
Die Quellen sagen nie, dass sie stürzt. Die Völuspá sagt, sie bebe und ächze, wenn Ragnarök beginnt. Zwei Menschen, Líf und Lífþrasir, verstecken sich in Hoddmímirs Wald und überleben, um die neue Welt zu bevölkern; viele Forscher halten diesen Wald für Yggdrasil, doch keine Quelle sagt das.
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