Vegvísir: Bedeutung und Herkunft des sogenannten Wikinger-Kompasses
Der Vegvísir, der isländische Wegweiser (vegvísir, wörtlich „Wegzeiger“), ist ein Zauberzeichen aus Island: eine Figur aus acht Armen, die von einem Mittelpunkt ausgehen. Wer es bei sich trägt, soll sich in Sturm und Unwetter nicht verirren. Er gehört zu den bekanntesten Symbolen der heutigen nordischen und Wikinger-Kultur, stammt aber aus einem viel späteren Island: Seine Quelle ist die Huld-Handschrift, eine Sammlung von Zaubersprüchen, die um 1860 zusammengestellt wurde, rund acht Jahrhunderte nach der Wikingerzeit. Er ist also isländische Magie und kein Symbol der Wikingerzeit. Hier erfährst du, woher er kommt, was er bedeutet und warum ihn heute so viele Menschen tragen.
Die Wikinger waren Bauern, Händler und Seefahrer, die mit dem rauen Wetter Skandinaviens und des Nordatlantiks lebten. Man versteht also leicht, warum ein Zauber gegen das Verirren bei schlechtem Wetter ihren Nachfahren in Island gefiel. Heute ordnet man den Vegvísir oft der Religion der Wikinger zu, er gehört aber zur Volksmagie des christlichen Island, Jahrhunderte später. Hier liest du, was die Belege sagen und was das Symbol bedeutet.
Zuerst aber ein genauerer Blick auf Symbole im Allgemeinen.
Die Bedeutung von Symbolen in verschiedenen Religionen
Religiöse Symbole hatten im Lauf der Geschichte verschiedene Aufgaben, vor allem aber dienten sie als moralischer Kompass, der die Menschen ständig an ihren Glauben erinnerte. Man glaubte auch, dass Symbole Flüche brechen, Schutz gewähren und in den dunkelsten Zeiten Orientierung geben.
Ein einzelnes religiöses Symbol trug oft gegensätzliche Wirkungen in sich und hatte deshalb für die, die daran glaubten, einen doppelten Wert.
So wurde der sechszackige Stern jahrhundertelang auf Amuletten und in der Magie verwendet, oft als „Siegel Salomos“, bevor er zum bekanntesten Symbol des Judentums wurde.
Im Christentum gilt das Kreuz als Zeichen für Leiden und Erlösung zugleich. Und nach der chinesischen Philosophie steht das uralte Symbol von Yin und Yang für die gegensätzlichen und doch einander ergänzenden Kräfte des Lebens. Bei den nordischen Symbolen war es nicht anders: In den Mythen ist Thors Hammer Waffe und Segenswerkzeug zugleich.
Man sollte nicht vergessen, dass ein Symbol eng mit der Gesellschaft verbunden ist, in der es zuerst auftauchte. Trotzdem muss es philosophisch so weit gefasst sein, dass wir es zehn Jahrhunderte später noch auf unser Leben beziehen können.
Warum sind Symbole wichtig?

Manche Anthropologen sagen, Symbole seien universelle Zeichen, die je nach kulturellem Zusammenhang bestimmte Ideen und Gegenstände darstellen. Andere meinen, sie seien so tief in unserem Unbewussten verwurzelt, dass es ohne sie kein intelligentes Leben gäbe. Einig sind sich aber alle, dass es Symbole seit den Anfängen der Menschheit gibt.
Ob du es glaubst oder nicht: Symbole umgeben uns, und das war schon immer so.
Manchmal bemerken wir sie sofort, manchmal verstecken sie sich vor unseren Augen und warten nur darauf, unsere Aufmerksamkeit zu wecken. Selbst Alltagsgegenstände wie ein Spiegel, ein Geldbeutel oder ein Messer haben ihre eigene symbolische Bedeutung.
In der Literatur steht der Spiegel für Eitelkeit oder für einen Blick in die eigene Seele, der Geldbeutel ist ein universelles Symbol für Reichtum, und das Messer steht meist für Verrat.
Die wissenschaftliche Revolution hat daran nichts geändert: Symbole sind noch immer mit jedem Bereich unseres Lebens verbunden.
Über Farben, Klänge, Muster und Zeichen haben Symbole unseren Blick auf die Welt seit jeher geprägt. Ob in mittelalterlichen Bildern oder in modernen Logos, sie sind ein grundlegender Ausdruck von Bedeutungen und Ideen geblieben, der oft mehr sagt als tausend Worte.
Wichtige Symbole der nordischen Mythologie
Falls dich die Geschichte der Wikinger je so gepackt hat, dass du davon geträumt hast, ein Teil davon zu sein, kannst du uns glauben: Du bist nicht allein. Und wer könnte es dir verdenken?
Auch wenn sie von rauem Wetter, Blut und Raubzügen geprägt war, gilt die Wikingerzeit noch immer als glanzvolle Epoche der skandinavischen und besonders der isländischen Geschichte. Werfen wir einen Blick auf einige der wichtigsten Symbole der nordischen Kultur. Manche stammen wirklich aus der Wikingerzeit, in Stein gehauen und als Amulett getragen; andere kennt man nur aus späteren isländischen Handschriften.
Yggdrasil
Die nordischen Völker nahmen zwischen dem späten 10. und dem 12. Jahrhundert das Christentum an, und die Gedichte, die vom alten Glauben überliefert sind, wurden danach in Island aufgeschrieben. Sie erzählen von neun Welten und von einer großen Esche, Yggdrasil, deren Äste sich, so Snorri Sturluson in seiner Gylfaginning, über die ganze Welt breiten. Die Völuspá erwähnt neben dem Baum neun Welten, zählt sie aber nie auf, und die ordentliche Karte von neun Reichen auf seinen Ästen und Wurzeln ist modern. Bei Ragnarök, sagt die Völuspá, bebt und ächzt die Esche. In den Vafþrúðnismál überleben zwei Menschen, Líf und Lífþrasir, in Hoddmímirs Holz, und von ihnen stammen neue Generationen ab. Viele Forscher halten dieses Holz für Yggdrasil. Auch der Name „Lebensbaum“ ist modern, und kein erhaltener Gegenstand aus der Wikingerzeit zeigt den Baum mit Sicherheit. Das heute getragene Yggdrasil-Symbol ist also ein moderner Entwurf, der auf den Gedichten beruht.
Valknut

Ein weiteres berühmtes Symbol ist der Valknut, drei ineinander verschlungene Dreiecke, auch Odins Knoten genannt. Anders als der Vegvísir stammt er wirklich aus der Wikingerzeit: Er ist auf Bildsteinen aus Gotland eingemeißelt, am bekanntesten auf Stora Hammars I (oben abgebildet), und auf Gegenständen aus dem Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen. Sein Name ist allerdings modern, und keine Saga und keine Edda nennt oder erklärt ihn. Forscher verbinden ihn mit Odin und den Toten, weil er so oft neben Opfer- und Todesszenen erscheint. Manche bringen ihn auch mit dem Riesen Hrungnir in Verbindung, dessen Herz, so die Skáldskaparmál, aus hartem Stein war und drei Ecken hatte, wie das eingeritzte Zeichen, das man Hrungnirs Herz nennt. Beides sind Deutungen, keine überlieferten Bedeutungen, und die beliebte Bedeutung „Kreislauf des Lebens“ ist modern.
Runen
Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass die Wikinger keine Schrift hatten. Ihre Gedichte, Mythen und Sagen wurden mündlich weitergegeben, aber sie schrieben auch, und zwar in Runen.
Das Runenalphabet heißt Futhark, nach seinen ersten sechs Buchstaben, und besteht aus kantigen Schriftzeichen, den Runen. Bis zur Wikingerzeit war das ältere Alphabet mit 24 Runen, das Ältere Futhark, auf die 16 Runen des Jüngeren Futhark verkürzt worden. Man ritzte sie in Stein, Holz, Knochen und Metall: Gedenkinschriften für die Toten, Namen von Besitzern, Botschaften und hin und wieder Zaubersprüche. Interessant ist, dass jede Rune für einen Laut stand und zugleich einen Namen trug, der selbst ein Wort war, etwa fé, „Reichtum“, für die erste.
Mjölnir

Das vielleicht berühmteste Symbol der Wikingerzeit ist der Zauberhammer Thors. In den Mythen ist er Thors Waffe gegen die Riesen, und er dient auch zum Weihen: In der Þrymskviða lässt der Riese Þrymr ihn seiner Braut in den Schoß legen, um die Hochzeit zu segnen, ohne zu wissen, dass die Braut der verkleidete Thor ist. Und Snorri erzählt, wie Thor seine geschlachteten Böcke wieder zum Leben erweckte, indem er sie mit dem Hammer weihte.
Geschichten über Mjölnir sind in den Edda-Liedern und in Snorris Edda überliefert, und seine moderne Fassung findet man in Marvel-Comics und -Filmen. Anders als der Vegvísir ist der Hammer auch in der Wikingerzeit selbst belegt: Rund tausend Hammeranhänger wurden gefunden, am beliebtesten in der letzten heidnischen Zeit, als Gegenstück zum christlichen Kreuz. Meist deutet man sie als schützende Amulette, doch was jeder einzelne seinem Träger bedeutete, ist nicht überliefert.
Das achtbeinige Pferd
In den Mythen kommen viele Tiere vor, aber keines ist wie Sleipnir, Odins achtbeiniges Pferd. Die Grímnismál nennen ihn das beste aller Pferde. Snorri erzählt, wie er geboren wurde: Loki lockte in Gestalt einer Stute den Hengst Svaðilfari eines riesischen Baumeisters fort und brachte später ein graues Fohlen mit acht Beinen zur Welt. In den Mythen trägt Sleipnir seine Reiter dorthin, wo kein gewöhnliches Pferd hingelangt, etwa als Hermóðr auf ihm zu Hel hinabreitet, um Baldr freizukaufen. Ein achtbeiniges Pferd ist schon auf gotländischen Bildsteinen des 8. und 9. Jahrhunderts eingemeißelt. Dieses Bild reicht also tatsächlich in die Wikingerzeit zurück, auch wenn noch umstritten ist, was die acht Beine bedeuteten.
Ægishjálmr
Ein weiteres Zauberzeichen, das man oft mit der Geschichte der Wikinger verbindet, ist der Helm der Ehrfurcht (Ægishjálmr), das achtarmige Schwesterzeichen des Vegvísir. Sein Name stammt aus dem Altnordischen, dem Vorfahren der isländischen Sprache: ægishjálmr, „Schreckenshelm“, und unter diesem Namen kennt man das Zeichen ebenfalls. In seiner modernen Form besteht der Ægishjálmr aus acht Armen, die um einen einzigen Kreis angeordnet sind, den Mittelpunkt des Symbols.
Das Wort ist tatsächlich mittelalterlich. In den Fáfnismál der Lieder-Edda sagt der Drache Fáfnir, er habe den Ægishjálmr unter den Menschensöhnen getragen, während er auf seinem Gold lag; dort ist er keine Zeichnung, sondern eine Macht des Grauens. Das achtarmige Zeichen ist viel jünger: Es taucht erst in isländischen Zauberbüchern ab dem 17. Jahrhundert auf, deren Anweisungen verlangen, es auf die Stirn zwischen die Brauen zu zeichnen, um Gegnern Angst einzujagen. Kein Fund aus der Wikingerzeit zeigt es, und es gibt keinen Beleg, dass Wikinger es sich vor der Schlacht auf die Stirn malten. Der Begriff setzt sich zusammen aus ægis, „des Schreckens“ (nicht die griechische Aigis, ein Schild), und hjálmr, „Helm“.
Hörner-Triskele
Eines der bekanntesten nordischen Symbole zeigt drei ineinander verschlungene Trinkhörner. Es ist auf dem Runenstein von Snoldelev in Dänemark aus dem 9. Jahrhundert eingemeißelt, doch keine zeitgenössische Quelle erklärt es. Heute nennt man es Hörner-Triskele oder Odins Hörner und verbindet es mit der Geschichte, wie Odin den Dichtermet gewann. Diese Verbindung ist eine moderne Deutung, keine überlieferte.
Snorri erzählt die Geschichte in den Skáldskaparmál. Als die Asen und die Wanen Frieden schlossen, spuckten beide Seiten in ein Gefäß, und aus diesem Speichel schufen die Götter Kvasir, so weise, dass ihm niemand eine Frage stellen konnte, die er nicht beantworten konnte. Zwei Zwerge, Fjalar und Galar, töteten ihn und ließen sein Blut in zwei Bottiche, Són und Boðn, und einen Kessel, Óðrerir, rinnen. Sie mischten es mit Honig, und wer von dem Met trinkt, wird zum Dichter oder Gelehrten.
Der Met gelangte zum Riesen Suttungr, der seine Tochter Gunnlöð zu seiner Wächterin machte. Odin, der sich Bölverkr nannte, ließ Suttungrs Bruder Baugi mit dem Bohrer Rati den Berg durchbohren, kroch in Gestalt einer Schlange durch das Loch und schlief drei Nächte bei Gunnlöð. Sie versprach ihm drei Schlucke Met. Mit dem ersten Schluck leerte er Óðrerir, mit dem zweiten Boðn, mit dem dritten Són. In den Hávamál erinnert sich Odin selbst an den Besuch und an Gunnlöðs Gabe.
Mit dem ganzen Met im Leib verwandelte sich Odin in einen Adler und flog nach Asgard zurück, Suttungr, ebenfalls als Adler, dicht hinter ihm, und spie den Met in Gefäße, die die Götter bereitgestellt hatten. Deshalb heißt die Dichtkunst Odins Gabe. Die Gefäße in der Geschichte sind Bottiche und ein Kessel, keine Hörner. Das Hörnersymbol ist also eine spätere Art, die Erzählung darzustellen, doch heute ist es ein beliebtes Sinnbild für dichterische Eingebung und Weisheit.
Stammt der Vegvísir aus der Wikingerzeit?
Und nun zum eigentlichen Grund, warum wir heute hier sind.
Als Erstes muss man festhalten, dass der Vegvísir nicht aus der Wikingerzeit stammt. Er stammt aus isländischen Zauberbüchern, sogenannten Grimoires. Zur Erklärung: Ein isländisches Grimoire ist ein Buch mit Zaubersprüchen, Beschwörungen und magischen Zeichen (galdrastafir), das in der frühen Neuzeit in Island von Hand abgeschrieben wurde. Die Quelle des Vegvísir ist eines davon: die Huld-Handschrift, die Geir Vigfússon um 1860 in Akureyri zusammenstellte und die heute in der National- und Universitätsbibliothek Islands aufbewahrt wird.
Oft heißt es, der Vegvísir komme auch im Galdrabók vor, einem älteren isländischen Zauberbuch aus dem 16. und 17. Jahrhundert, das damit seine früheste Quelle wäre. Das stimmt nicht: Das Galdrabók enthält andere Zauberzeichen, aber nicht den Vegvísir. Die Huld-Handschrift mit ihrer Zeichnung und einem einzigen Satz darüber, was das Zeichen bewirkt, ist die Primärquelle.
Die Wikingerzeit endete bekanntlich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, der Vegvísir ist also erst rund acht Jahrhunderte danach belegt. Kein Runenstein, kein archäologischer Fund und kein mittelalterlicher Text zeigt ihn, und weder in den Edden noch in den Sagas taucht er auf.
Den Eintrag der Handschrift im vollen Wortlaut, mit Signatur und Übersetzung, findest du im Vegvísir-Eintrag mit Quellen in unserer Symbol-Bibliothek.
Die Bedeutung des Vegvísir: ein isländisches Zeichen der Orientierung

Der Name Vegvísir setzt sich aus den isländischen Wörtern vegur (Weg, Straße) und vísir (Zeiger, Führer) zusammen und bedeutet wörtlich „Wegzeiger“: ein Zeichen, das den Weg weist. Meist übersetzt man ihn mit „Wegweiser“. In der Huld-Handschrift steht neben der Zeichnung ein einziger Satz: Wer dieses Zeichen bei sich trägt, verirrt sich nicht in Sturm oder Unwetter, auch wenn er den Weg nicht kennt. Seine Arme sind keine Runen, und „Runenkompass“ ist eine moderne Bezeichnung.
Wie benutzt man also diesen „Kompass“?
Magisch, nicht mechanisch. Und genau hier beginnt das meiste Durcheinander um das Symbol.
Ist der Vegvísir der Wikinger-Kompass?
Ja, mit „Wikinger-Kompass“ oder „nordischem Kompass“ meint heute fast jeder den Vegvísir: ein achtarmiges isländisches Zauberzeichen, das man zur Orientierung trägt. Ein Navigationsinstrument ist er nicht, und der Name ist ein moderner Spitzname, kein historischer. Das andere, was man Wikinger-Kompass nennt, der Sonnenkompass, ist ein ganz anderer Gegenstand, und ob die Nordmänner wirklich einen benutzten, ist bis heute umstritten.
Zwei sehr verschiedene Dinge heißen Wikinger-Kompass, und man sollte sie auseinanderhalten:
- Der Vegvísir (das Symbol). Das kreisförmige, achtarmige Zauberzeichen auf dieser Seite. Das ist der nordische Kompass, den du auf Anhängern, Ringen und Tattoos siehst. Er soll seinen Träger auf magische Weise durch Sturm und Unwetter führen, nicht dadurch, dass er nach Norden zeigt.
- Der Sonnenkompass (das Instrument). Eine Holzscheibe mit einem Zeiger in der Mitte, der einen Schatten wirft, so wie moderne Rekonstruktionen sie zeigen. Die Idee stützt sich vor allem auf eine zerbrochene halbe Holzscheibe, die bei Ausgrabungen von 1945 bis 1948 in Uunartoq im Siedlungsgebiet der Nordleute in Südgrönland gefunden wurde und sich nicht sicher ins 11. Jahrhundert datieren lässt. Manche Forscher sehen darin eine Peilscheibe, mit der man nach der Sonne steuerte; andere halten sie für ein Spielzeug oder einen kirchlichen Gegenstand. Eine ähnliche Scheibe aus Wolin in Polen ist ebenfalls umstritten.
Die Namen werden austauschbar gebraucht, weil beide dasselbe versprechen: sich nicht zu verirren. Der Unterschied ist, dass das eine isländische Magie ist, aufgeschrieben Jahrhunderte nach der Wikingerzeit, das andere ein mögliches Instrument der Wikingerzeit, über dessen Gebrauch auf See noch gestritten wird. Falls du eigentlich das Instrument gesucht hast: Darüber und über den Sonnenstein schreiben wir in wie die Wikinger tatsächlich navigierten.
Manche schreiben auch „nordischer Kompass“ oder „skandinavischer Kompass“. Gemeint ist dasselbe Symbol, nur unter einer lockereren Bezeichnung.
Wie gesagt: Der Vegvísir ist ein Stück isländischer Magie. Man sollte ihn bei sich tragen, wenn man durch Sturm oder Unwetter muss.
Wie sollte der Vegvísir denn verwendet werden, fragst du dich vielleicht?
Die Huld-Handschrift sagt nur, dass man das Zeichen bei sich tragen soll; wie oder wo es zu zeichnen war, sagt sie nicht. Die Anweisung, es mit Blut auf die Stirn zu malen, die auf vielen Websites wiederholt wird, steht nicht im Huld-Eintrag. Ein Zeichen auf die Stirn zu malen gehört zum Helm der Ehrfurcht, dessen Anweisungen in den Zauberbüchern es zwischen die Brauen setzen. So oder so lohnt ein Blick auf die damalige Zeit.
Vor Elektrizität, Internet und GPS und all den modernen Erfindungen, mit denen wir heute sicher nach Hause kommen, konnte eine Winterreise quer durch Island tödlich sein, und ein Zauber gegen das Verirren im Schneesturm war ein vernünftiger Wunsch. Wenn es helfen konnte, ein Zeichen bei sich zu tragen, dann trug man es eben.
Den acht Armen des Vegvísir gibt die Handschrift überhaupt keine Bedeutung. In der Huld-Zeichnung endet jeder Arm in einem eigenen Muster aus Strichen, Gabeln und Haken, und der saubere Kreis um sie herum, den die meisten modernen Fassungen zeigen, ist eine spätere Zutat. Moderne Deutungen sehen in den Armen die Himmelsrichtungen oder die Welten der nordischen Mythologie mit Midgard in der Mitte. Das sind aber moderne Interpretationen, und die nordischen Quellen sprechen von neun Welten, nicht von acht, ohne sie je aufzuzählen.
Isländische Zauberzeichen
Der Vegvísir ist nur eines von vielen isländischen Zauberzeichen (galdrastafir). Die Huld-Handschrift versammelt eine ganze Reihe davon, und andere isländische Zauberbücher des 17. bis 19. Jahrhunderts enthalten noch viele mehr.
Sie dienten den verschiedensten Zwecken und gewähren einen der aufschlussreichsten Einblicke in das Leben einfacher Menschen jener Zeit.
Warum?
Weil wir an den Zwecken der Zeichen sehen, was einfache Leute brauchten. Manche dienten dem Streit, etwa der Helm der Ehrfurcht, der einem Gegner Angst einjagen sollte, und manche schützten ihren Träger vor dem Zauber anderer.
Und dann gibt es noch die ganz alltäglichen, die wir auch heute gut gebrauchen könnten: Zeichen für Geld, für Glück im Handel, für einen guten Fang beim Fischen und natürlich für das ewige Problem, die Liebe eines anderen Menschen zu gewinnen.
Welchen Zweck hat der Vegvísir heute?
Seit der Vegvísir in der Huld-Handschrift aufgezeichnet wurde, hat sich sein Zweck gewandelt. Heute nutzen ihn viele nicht mehr für seinen ursprünglichen Zweck als Wegfinder. Oft dient er als eines der bekanntesten Symbole der nordischen Mythologie und des Heidentums allgemein (ironischerweise wurde er erst lange nach der heidnischen Zeit aufgezeichnet).
Eines aber ähnelt dem ursprünglichen Gebrauch in Island noch: Die Menschen tragen ihn bei sich, genau wie es die Huld-Handschrift verlangt. Meist als Anhänger, Ring oder Armband, wie die Stücke in unserer Vegvísir-Kollektion.
Man trägt ihn auch auf der Haut. Ja, der Vegvísir wird heute oft tätowiert. Er gehört zu den häufigsten Tattoos mit nordischem Bezug (neben wahrscheinlich Mjölnir und dem Helm der Ehrfurcht). Sogar die isländische Sängerin Björk hat ein Vegvísir-Tattoo.
Ehrlich gesagt ist das für ein Tattoo oder einen Anhänger keine schlechte Idee. Wer hätte nicht gern ein Symbol, das einen durchs Leben führen soll? Damit meinen wir natürlich nicht durch Sturm und Unwetter, sondern im übertragenen Sinn. Wer braucht nicht ein bisschen Orientierung im Leben?
Fazit: Was der Vegvísir wirklich bedeutet
Jetzt weißt du Bescheid. Wenn du jemanden mit einem Vegvísir-Tattoo siehst, darfst du ihn ruhig nach der wahren Herkunft des Zeichens fragen.
Lautet die Antwort „Ach, das ist ein Wikinger-Symbol, ist doch cool“, dann ist es nicht nur dein Recht, sondern geradezu deine Pflicht, ihn zu korrigieren, denn das Einzige, was an diesem Satz stimmt, ist, dass es cool ist.
Also: Der Vegvísir ist kein Wikinger-Symbol, sondern ein isländisches: ein Zauberzeichen, aufgezeichnet um 1860. Und dann punktest du richtig, wenn du erklärst, dass es ein Kompass ist und eigentlich doch keiner, denn er sollte nie nach Norden zeigen, sondern nur verhindern, dass sich sein Träger verirrt.
Am Ende unserer Reise durch die Welt der Zauberzeichen hoffen wir, dass du etwas Neues gelernt und Spaß dabei gehabt hast.
Bis der Vegvísir uns zum nächsten Treffen führt: Skål!
Vegvísir: häufige Fragen
Was ist der Vegvísir?
Der Vegvísir ist ein isländisches Zauberzeichen: eine Figur aus acht Armen, die von einem Mittelpunkt ausgehen. Es soll verhindern, dass sich jemand, der es bei sich trägt, in Sturm oder Unwetter verirrt. Sein Name bedeutet „Wegzeiger“ und wird meist mit „Wegweiser“ übersetzt.
Was bedeutet das Vegvísir-Symbol?
Vegvísir bedeutet „das, was den Weg weist“. Es ist ein Symbol für Orientierung und Schutz auf einer Reise, auf magische Weise, nicht als funktionierender Kompass. Die Handschrift gibt seinen acht Armen keine Bedeutung; sie als Himmelsrichtungen oder als die Welten der nordischen Kosmologie zu lesen, ist modern.
Ist der Vegvísir ein Wikinger-Symbol?
Nein. Auch wenn er heute weithin als Wikinger-Symbol gilt, ist der Vegvísir erstmals in der Huld-Handschrift belegt, einer isländischen Sammlung von Zaubersprüchen, die um 1860 zusammengestellt wurde, rund acht Jahrhunderte nach der Wikingerzeit. Er steht weder im älteren Galdrabók noch in den Edden oder Sagas. Am besten beschreibt man ihn daher als isländisches Zauberzeichen, nicht als Symbol der Wikingerzeit.
Was ist der Unterschied zwischen Vegvísir und Helm der Ehrfurcht?
Beide sind achtarmige isländische Zauberzeichen, aber der Vegvísir (Wegweiser) dient der Orientierung und der sicheren Reise, während der Ægishjálmr oder Helm der Ehrfurcht dem Schutz dient und Feinden Angst einjagen soll. Der Name des Helms der Ehrfurcht geht auf die Lieder-Edda zurück; der Vegvísir ist erst ab etwa 1860 belegt.
Wie wird der Vegvísir verwendet?
Die Huld-Handschrift sagt nur, dass man das Zeichen bei sich tragen soll, damit sich sein Träger in Sturm oder Unwetter nicht verirrt. Dass man es mit Blut auf die Stirn malen soll, steht dort nicht. Heute trägt man es meist als Schmuck oder Tattoo, als Symbol für Orientierung im Leben.
Was ist der Wikinger-Kompass?
Zwei Dinge tragen diesen Namen. Das Symbol, das man Wikinger-Kompass nennt, ist der Vegvísir, ein achtarmiges isländisches Zauberzeichen, das man zur Orientierung trägt. Das Instrument, das man Wikinger-Kompass nennt, ist der Sonnenkompass, eine Holzscheibe mit einem schattenwerfenden Gnomon, rekonstruiert nach einer zerbrochenen Scheibe aus Uunartoq im Siedlungsgebiet der Nordleute in Südgrönland; ob nordische Seefahrer damit einen Kurs hielten, ist bis heute umstritten. Auf Schmuck findest du das Symbol.
Ist der nordische Kompass dasselbe wie der Vegvísir?
Ja. Nordischer Kompass, skandinavischer Kompass und Wikinger-Kompass sind alles gängige moderne Bezeichnungen für das Zauberzeichen Vegvísir. Keine davon ist ein historischer nordischer Name dafür, und das Zeichen selbst hat nie nach Norden gezeigt.
Mehr über sein Schwesterzeichen, den Helm der Ehrfurcht, darüber, wie die Wikinger wirklich navigierten, und über alle wichtigen nordischen Symbole liest du in unseren weiteren Artikeln, und das Zeichen selbst findest du bei unseren Vegvísir-Anhängern.
